01. März 2008

Fernsehen – nein Danke

TVAnfang der Neunziger stand die Frage im Raum (in meinem Fall wurde sie in der Schule diskutiert), ob denn Fernsehen dumm macht – heute stellt sich eher die Frage, ist das Fernsehen nur noch für Dumme. Auf einige Sender bezogen, wie beispielsweise Pro7Sat.1 und RüTL, kann die Frage eindeutig mit JA beantwortet werden. Auf allen anderen deutschen Kanälen tummeln sich hier und da mal zu einer bestimmten Sendezeit die ein oder anderen grenzdebilen Sendung.

Meist laufen die gleichen Inhalte (falls in diesem Zusammenhang von Inhalt überhaupt die Rede sein kann, besser Anhäufung von Verunreinigungen des Äthers) auf den überflüssigen Kanälen zur gleichen Sendezeit. Morgens die Informationssendungen mit einem Informationsgehalt einer Leuchtreklame. Zum Mittag erfundene Prozesse in den Gerichtssendungen und Abends armselige Serien aus USoA oder schlechte deutsche Kopien derer.

TalkshowImmerhin läßt sich darüber Diskutieren ob die Substitution der Hans Meisers und Arabellas durch die Richter einen Fortschritt darstellt. Wird den mitwirkenden Laien doch mehr als nur Selbstdarstellung abverlangt – Zugegeben das ist meine Vermutung und auch Hoffnung zugleich.
Falls der Tagesablauf Varianten aufweisen soll, werden noch Kochsendungen und Renovierungsüberfälle zum Besten gegeben. Verirrt sich ein Zuschauer mal auf einen der scheinbaren Nachrichtensender erhascht er entweder einen Diskussionslegastheniker á la Michel Friedman oder eine als Dokumentation getarnte Werbesendung.

Hip hop guy

Einer der vielen gehirnamputierten Schulabbrecher auf den Musiksendern, der glaubt in der Lage zu sein geistreiche Sätze zu mäßigen Klängen von sich geben zu müssen.

Nicht unerwähnt sollen die so genanten Musiksender sein. Falls mal ausnahmsweise nicht ein fünftklassiges Format, Klingelton Werbung oder ein eingekaufter Amerikanischer Prominenten Nonsens läuft hüpfen irgendwelche Halbaffen mit lächerlichen Gebärden begleitet von übelsten Lauten und Texten, die manches Boulevardblatt als Literatur erscheinen lassen, über die Mattscheibe.

Das Quiz, als neudeutsch Call-in bezeichnet, hat einen Sonderstatus in der Fernsehlandschaft inne. Gleich einem Chamäleon paßt es sich seinem Umfeld an. Mal am Ende einer getarnten Nachrichten-, Boulevardsendung, oder in einem eigenständigen Format.
Die offensichtlichsten Gauner stellen Fragen die kurz zuvor in der Sendung mehrfach beantwortet wurden und/ oder problemlos zu beantworten sind (Wo war die letzte Fußball WM a) Deutschland b) Legoland). Etwas anspruchsvollere Belästigungen sind dann Fragen in der Art: Wieviel Milch gibt ein Ochse, wenn…? Ernst zu nehmende Fragen begegnen einem selten. Call-in QuizDann schon eher Fragen die dem Anschein nach zu beantworten sind, aber lediglich dem Zwecke dienen, daß viele Menschen anrufen um Unsummen für eine automatische Ansage bezahlen zu müssen.
Eine gut getarnte Sendung war vor einiger Zeit das von Günter Jauch auf dem Sender RüTL moderierte „Experten gegen die Masse“. Für € 0,50 konnten sich die Zuschauer als Masse beteiligen und zahlten so zu einer einzigen Frage € 70.000,- über ihre Telefonrechnung. Diese Zahl ergibt sich aus der von Günter Jauch während der Sendung erwähnten Anzahl der Anrufe. Es wurde nicht nur eine Frage in dieser Sendung gestellt. Da behaupte doch mal einer, daß die Privaten sich nur aus den Werbeeinnahmen finanzieren.
Ach es gibt ja noch die Dauerwerbesendungen/ Verkaufssendungen/ Shops… allen Müll wollte ich hier nicht anführen.

Oliver Kalkofe

© MEDIENTAGE MÜNCHEN
Oliver Kalkofe auf den Medientagen München 2007

Eine durchaus pointierte aber dennoch treffliche (und deshalb traurige) Beschreibung der aktuellen deutschen Fernsehlandschaft gab Oliver Kalkofe, auf der Versammlung der Verantwortlichen (Medientage München) im November 2007, oder wie er sagt Täter und Schuldigen, kund. Absolut empfehlenswert.

Wie war es damals [vor ungefähr zehn Jahren], was war da so das Schlimmste. Da war für mich die Krone des Wahnsinns: Volksmusik. Damals dachte man schlimmer geht’s ja nicht mehr.
[...]
Wenn ich mir das heute anschaue, im Vergleich, ist das für mich ein Streichelzoo. Das ist niedlich, ich hab die gerne. Man sieht die geben sich noch Mühe. Die haben sich selber angezogen, die haben es geschafft geradeaus zu laufen und dabei zu singen ohne hinzufallen. In die gleiche Richtung zu schunkeln und so etwas. Das ist eine Leistung. Überhaupt, das etwas noch richtig Produziert wurde, also mit Licht und Kamera von Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und nicht abgebrochenem Praktikum. Das ist eine Sache die man heute kaum noch sieht.
Und da mache ich mir Sorgen, wenn ich denke: mein Gott so tief bin ich jetzt gesunken, daß ich mir das zurückwünsche.
[...]
Wenn wir heute mal schauen was sich inzwischen ergeben hat. Ein Großteil der Sendestrecken auf allen Privaten Anstalten wird inzwischen ausgefüllt von wirklich schlecht ausgebildeten Trickbetrügern und Schnürsenkelverkäufern die den zurückgebliebenen Teil der Zuschauer das Geld aus der Tasche ziehen sollen. Ich rede von diesen so genannten und getarnten Quizshows, Call in Sendungen. Debil grinsende Moderationsamöben die stundenlang vor einem Flipchart stehen wo der Praktikant mit dem Filzer eine Frage drauf gekrickelt hat. Und die sich, mit in einer Kamera nach vorne, irgendwie den Rest Verstand aus der Rübe labern. Das ist gar nicht vorstellbar und es passiert nichts. [...] Es ist gemordete Lebenszeit. Es ist gesendetes Vakuum. Oliver Kalkofe, Nov. 2007

Hier ist ein Ausschnitt aus diesem Programmpunkt 5.6 Casting plus Coaching und ein Schuss Events. Es ist die 34 minütige Rede von Oliver Kalkofe.


Diese mp3 Datei im eigenen Player abspielen

Wer auch die anschließende Podiums Diskussion mit Vertretern aus der Branche u.a. Andreas Bartl Geschäftsführer ProSieben, Edda Kraft Leitering Unterhaltung Sat.1 und Barbara Thielen Bereichsleiterin Fiction RTL, verfolgen möchte findet diese in der Mediathek der Medientage München (direkter Link zur Audiodatei).

Was bleibt einem anderes übrig als nicht mehr einzuschalten?

Eine Methode ist beispielsweise bestimmte Sender von seinem TV Gerät zu verbannen. Ein Bekannter von mir erwähnte diese Maßnahme vor einigen Jahren völlig nebenbei: „Ich habe Pro7, RTL und den anderen Privaten Müll aus den Kanälen meines Fernsehers gelöscht.“
Ganz so drastisch bin ich anfangs nicht vorgegangen. Zuerst sortierte ich die Kanäle um, die Guten auf die vorderen Plätze und die Schlechten auf die Hinteren. Ich erwischte mich allerdings immer wieder dabei alle vorhandenen Kanäle mehrmals durchzuschalten, auf der Suche nach einem brauchbaren Programm.

Der Türkenkanal und die Musiksender flogen als erstes raus. Erstens verstehe ich kein Türkisch und zweitens sind mir die Halbaffen die vor der Linse herum hüpfen und der Auffassung sind stilvolle Rhythmen und brauchbare Lyrik von sich zugeben zuwider. Die Shopping Kanäle waren gar nicht erst vorhanden. Nach und nach löschte ich die Programme von den hinteren Speicherplätzen.

  • Propaganda und pseudo Nachrichten (N24 und n-tv)
  • alle RüTL Derivate, Pro7Sat.1
  • das Bewegungslegastheniker Programm DSF
  • die erwähnten, visuelle und akustische Vergewaltigung proklamierenden, Musikkanäle

Einzig Vox und Kabel1 sind von den Privaten erhalten geblieben.

Eine nicht ganz so drastische Maßnahme ist, falls der Fernseher folgende Funktion besitzt, das Ausblenden der unerwünschten Sender aus den Favoriten. Beim Durchschalten mittels der Plus und Minus Tasten (Kanal vor/ zurück) werden die, aus der Favoriten Liste, entfernten Sendeanstalten übersprungen. Beim Zappen wird der Zuschauer so nicht mehr von irgendwelchen Dicken, die Häuser einrichten wollen oder Sonstigem belästigt. Wird allerdings etwas interessantes auf einem ausgeblendetem Kanal gesendet (z.B. ein Film) kann immer noch durch direkte Anwahl der Programmnummer der Sender aufgerufen werden.
Nicht alle Fernseher haben diese Möglichkeit, ein Umsortieren der Kanäle ist aber in jedem Fall zu bewerkstelligen. Wenn dann noch zwischen den guten und den schlechten Sendern (die nicht komplett gelöscht werden sollen) einige leere Programmplätze gespeichert werden, gibt dies ein einfaches Signal für das erreichen der Schwelle zum Geschmacklosen beim Zappen wieder.

Jetzt habe ich zwar nur noch 15 (ARD, ZDF, HR, BR, SWF, 3SAT, Eurosport, Vox, WDR, Kabel1, NDR, Arte, Phönix, MDR, TV5) Kanäle aber meine Wahrnehmung des Fernsehens ist seit dem viel entspannter.

Weniger ist mehr. Zuviel Wahlfreiheit ist Paralyse. Wer diese Thesen etwas untermauert wissen möchte, der kann sich einen exzellenten Vortrag auf der TED[1] Konferenz von Barry Schwartz: The paradox of choice anschauen.

Berry Schwartz at TED

Berry Schwartz auf der TED Konferenz 2005.
Seine Meinung: „All that choice is making us miserable.“

 
 

Keiner ist unfehlbar und auch ich schwenkte kurzeitig zurück; wenn auch nur bei einem Kanal, aber erst einmal die Vorgeschichte.
Von amerikanischen Serien halte ich im Grunde nichts. Seit meiner Kindheit, in der ich gerne Ein Colt für alle Fälle sah, finde ich, mit einigen wenigen Ausnahmen, keinen Gefallen mehr an dieser Form der Unterhaltung.

Die Season 1 DVD von Heroes (US Version) änderte meine prinzipielle Ablehnung. Ein Bekannter brachte sie mit und lies sie mit einer außerordentlichen Empfehlung bei mir. Innerhalb von wenigen Tagen hatte ich alle Folgen mit Gefallen angeschaut.
Daraufhin schaute ich mir die deutsche Synchronisation an, die auf dem Pestkanal RüTL II läuft – was mir schier unüberwindbare moralische Bedenken verschaffte, aber der niedere Trieb Neugierde übermannte mich. Um es kurz zu machen: RüTL II ist wieder gelöscht und ohne Wehmut warte ich auf die Season 2 DVD von Heroes aus den USA. Die Synchronisation war einfach unter aller Kanone (…die beiden Japaner wurden Synchronisiert wenn sie im Original japanisch mit Untertiteln sprachen; wer ist für solche Verbrechen der deutschen Synchronisation verantwortlich?). Die Werbeunterbrechung kam noch erschwerend hinzu.

Die überwiegend Öffentlich Rechtlichen Sender in meiner Auswahl garantieren keinesfalls ein immer während gutes Programm. Ein Günter Schwätzer und Gerhard Delling (und sonst alles mit Fußbal) wird ebenso wie der Anführer der Grenzdebilen Oliver Pocher ignoriert – mittlerweile kann ich Harald Schmidt auch nicht mehr sehen, nahmen meine Sympathien für ihn stetig seit dem Absetzten von Schmidteinander ab. Auch BKerner und sein Kollege Beckmann können gegen die anderen Interviewkrüppel der Privaten keinen Stich machen. Aber immerhin sind Filme werbefrei und Inhalte werden im korrekten Seitenverhältnis und mit entsprechendem Signal[2] gesendet. Dokumentationen auf den Öffentlichen verdienen diese Bezeichnung. Gesprächsrunden wie NDR Talk (Unterhaltung), Anne Will und Hart aber Fair (Politik, Gesellschaft) und intellektuelle wie Delta oder das Philosophische Quartet führen ihre Gäste nicht vor und behandeln den Zuschauer respektvoll.

Zu meinem Konsumverhalten muß ich natürlich noch gestehen, daß ich mehr bewegt Bilder vom Internet/ am Computer konsumiere. Ehrensenf ist ein Beispiel von lockerer Unterhaltung mit Nachrichtengehalt. Allerdings gehöre ich trotz bestehender Internetaffinität nicht zur Gruppe der Konsumenten von YouTube und sonstiger Müllhalden.
Unterschiedliche Podcasts versorgen mich mit spezielleren Themen. Einige Beispiele (iTunes Links): National Geographic Video Shorts, Element Skateboards, Hubblecast HD und Hidden Universe HD.
Auch erfreue ich mich wieder mehr an Kinofilmen beziehungsweise leihe ich wieder DVDs aus. Falls sich das Leihfilmangebot welches mit dem AppleTV in den USoA bereits akzeptable Konditionen (Preis und wachsende Auswahl) hat auch in Deutschland zur Verfügung steht, wird das sicherlich eine willkommene Ergänzung in meinem Konsumverhalten.

Abschließend möchte ich raten: stellt Euch eure Programmauswahl zusammen, verbannt die Kanäle die ihr nicht mehr sehen wollt vom Fernseher. Warum müssen denn alle Kanäle die empfangen werden können auch gespeichert sein. In eurem (Auto)radio, falls so etwas anachronistisches überhaupt noch Verwendung findet, ist doch auch nur eine kleine Auswahl der Sender die über den Äther gehen gespeichert.
Weniger ist mehr. Genießt die neue Freiheit.


Fußnoten:

  1. TED steht für Technology, Entertainment, Design. []
  2. Breitbildfernseher erhalten zusätzliche Informationen darüber welches Seitenverhältnis das Gesendete hat. So werden automatisch 16:9, 14:9, Cinemascope, Superscope et cetera Bilder korrekt ohne Verzerrungen dargestellt. []
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